Smaragdlerweg mal fünf

Die Idee, eine attraktive Mehrseillängenroute im traditionsreichsten Klettergarten der Wachau einzurichten, hatte irgendwann im November 2011 unsere Phantasie angestachelt. Peter Dunst hatte einen heißen Tipp gegeben, Bohrmaschine und Haken zugesichert, ich hatte gemeinsam mit Angelika, Markus und Gerhard die Spur aufgenommen, später gesellten sich Stefan, Hons und Franz dazu.

Mit wenigen neuen Klettermetern wollten wir den vor Jahrzehnten beliebt gewesenen  „Dürnsteinergrat“ deutlich erweitern und so zu einer einigermaßen logischen,  harmonischen und akzeptabel abgesicherten Kletterlinie durchs Labyrinth der kleinen und großen Gneistürme aufwerten. Und je mehr Kraft und Überlegung wir investierten, desto länger wurde die Kette der aufgefädelten  „Kletterperlen“: manche alte Eigenbrötlerlänge begann erst jetzt in den Armen der großen Seillängen-Familie zu strahlen!

Dass die neue Kreation die Meute der Kletterer in eine begeisterte und eine ablehnende Fraktion spalten wird, ist zu erwarten. Wer den  „Wachauergrat“ liebt, wird auch hier in Wonne schwelgen; wer nur den nackten Zahlen der Schwierigkeitsangaben verfallen ist, wird beim halbnackten Herumhängen am Däumling sowieso keinen Blick nach links werfen wollen…

Dazu kommt, dass die neue Route geradezu exotische Gewürze im Getriebe des aktuellen Klettergeschehens anbietet: Sprünge über Klüfte, die einem das Herz (oder was anderes…) in die Hose fallen lassen; Überfälle in luftiger Ausgesetztheit über schaurigen Felsspalten und Abklettern, nicht Abseilen oder Abgelassenwerden! Ingredienzien also, die bei den einen die Augen zum Leuchten bringen, bei den anderen aber für bohrende Unruhe schon im Vorfeld sorgen. Ja, bequemes Hochklinken allein bringt hier nicht weiter, hier werden ältere Klettergeister beschworen, die in den Hallen nicht zuhause sind…und das noch dazu in einer relativ leichten Route, die vielen zugänglich sein sollte, könnte, müsste…was ist heutzutage schon ein Dreier, Vierer,  Fünfer oder Sechser?

Auch Passagen, die nach mobilen Sicherungsmitteln betteln, finden sich…Pedanten kommen auf erstaunliche 19 Seillängen, die die kletternden  „Smaragdler“ letztendlich zum Festplatz am Gotifels entlassen, wo gehandschlagt, gedankt, geküsst, ausgezogen, gefeiert, genossen, umarmt, geschaut und erzählt werden darf…

Die Erstbegehung

Am 28. Dezember 2011 wollten Angelika, Markus, Franz und ich alle Meter unserer Phantasiespur zusammenhängen und vom Anfang bis zum Ende in einem Zug klettern. Das Außergewöhnliche an diesem Tag machte sich deutlich bemerkbar: es war kalt und nieselte…

Schon die erste Seillänge zeigte, dass sich gerade dort, wo der Fels geputzt worden war, eine tückisch glitschige Schmierschicht gebildet hatte. Passagen, die wir ursprünglich als leicht eingeschätzt hatten, waren jetzt zu aalglatten, schwer zu „lesenden“ Schlüsselstellen verwandelt worden – und je weniger steil die Kletterstellen waren, desto mehr Probleme bargen sie.

Nach dem „Plattenspitz“ war das Abenteuer dann zu Ende für Angelika, die mit einer angeschlagenen Gesundheit und den kühlfeuchten Verhältnissen kämpfte, und für Markus, der aus Solidarität aufs Weiterklettern verzichtete. Sie ließen es sich aber nicht nehmen, Franz und mich sozusagen als Bodenmannschaft beim Weitersteigen zu unterstützen.

Viel hätte allerdings nicht gefehlt, und wir wären in der „Ferienplatte“ in einer Dreier-Passage gescheitert, auf derem grünen Flechten-Staub-Schleim die beste Gummisohle trotz engagierter Reinigungsversuche nicht und nicht greifen wollte…

Eine halbe Stunde vor dem Dunkelwerden war es dann soweit: der „Smaragdlerweg“ war erstbegangen.

„Wachauer Smaragdler“

nannte ich gut zwei Monate später die Kombination von „Wachauer Grat“ und „Smaragdlerweg“. Diese beiden langen Wachaukletterrouten riefen förmlich danach, verbunden zu werden. So, wie wir die Seillängen aufteilten, reihten wir 33 aneinander, die – kurios – am intensivsten die Oberschenkelmuskulatur belasteten…

Fazit: zwei lohnende „Felsspaziergänge“ in einer bezaubernden Landschaft, verbunden durch einen Wanderweg ( der noch dazu beim Fesslwirt vorbeiführt), originelle Kletterstellen und vom Anspruch her einigermaßen gleich.

Fast ohne Bohrhaken

Das soll einer verstehen: zuerst bemühen sie sich, mit großem Aufwand und wohl überlegt Bohrhaken zu setzen, und dann haben sie die Idee, genau diese zu ignorieren, nur mit mobilen Sicherungsmitteln das Auslangen zu finden und solcherart mehr zu riskieren…

Aber, wie heißt es doch: Klettern ist ein Spiel! Neues Spiel, neue, strengere Regeln. In einigen Seillängen war da Einiges an Nachdenken und kühler Überlegung gefragt gewesen. Die strikte Konsequenz beim Auslassen wirklich aller Bohrhaken hatte letztlich gefehlt, denn in der Euphorie des bohrhakenfreien Hinaufgekommenseins waren wir den Lockrufen ganz weniger Standbohrhaken erlegen…als zu selbstverständlich hatte sich das routinemäßige Einhängen erwiesen!

Mit Nina

Versprochen ist versprochen, und so führte ich Nina, die noch nie hier im Ruinenklettergarten geklettert war, über den „Smaragdlerweg“ durch dieses Felsenlabyrinth. Neben den Schlüsselseillängen werden ihr wohl der atemberaubend weite zweite Sprung, der Abstieg ins dunkle Maul des „Narrenturmkamins“ und die unerwartete Länge der Route in Erinnerung geblieben sein…

Frei und allein

Hingehen und raufklettern, ohne Seil, Klettergurt, Karabiner, ohne Handy und Rückversicherung: das war mein bescheidenes Ziel, von dem ich niemandem erzählte. Aber ich wollte nicht unsensibel drauflosklettern, und deswegen hatte ich zwei Tage vorher schon kurz nach dem Parkplatz aufgegeben: das erste Donnergrollen dieser Saison, zu viele Leute und noch einige fragwürdige Omen…

Obwohl ich dann am Montag ein verdächtiges Kratzen im Hals spürte, schien an diesem 26.3.2012 der Tag der Entscheidung gekommen zu sein. Keine gaffenden Leute, weder auf den Wanderwegen noch im Klettergarten. Dazu ideale Verhältnisse. Sollte mich der Wulst in der ersten Seillänge („Schifferkante“)  vor große Probleme stellen, wollte ich abbrechen. Doch die Gravitation zeigte mir heute keine Furcht einflößenden Zähne!

Die bewältigte Angststelle beflügelte. Die „Dornenplatte“- besser gesehen und geklettert als je zuvor. Den „Großen Pfeiler“ hatte ich bisher viermal  mit Respekt erklettert. Diesmal gab es kein Seil, keinen Freund, und knapp ober den entscheidenden Metern blickte ich mal in den Abgrund, beeindruckend, wie steil…und keine Angst, so ungewöhnlich meine Position auch war.

Die luftige Aufsteilung des „Feinen Risses“, die Sprünge als nette Intermezzi,  alles ein mitreißend vergnügliches „Sich-Bewegen“ in einer grandiosen Szenerie. Ernster wurde das Spiel dann an der „Narrenturmkante“, wo ungezählte Griffchen und Trittchen zu einem mosaikartig verknüpften Weg hinauf in die erstaunliche Ausgesetztheit verbunden werden wollten. Wie soll ich dieses berauschend schöne Gefühl beschreiben…

Das restliche Auf und Ab zog vorüber, mal im Schatten, mal in der Sonne…

Dann das liebevoll gebastelte Steigbuch, auffindbar nur von Wissenden oder Glücklichen; das Ende der Route, erreicht 50 Minuten nach dem Einsteigen.

Ein leichter Westwind weht, der Platz im doppelt gleißenden Sonnenlicht auf dem Gotifels, wo ich sitze, azurblau der Himmel.

Und darunter ein Spitzbubengeblinzel, das dem Alten ins Gesicht zieht, eine zum Horizont gereckte kecke Nase, ein Hauch von Stolz – und das Gefühl, dass in den Welten der Steine und Sterne andere Dimensionen zählen…

Zwei Tage später tobten Viren in meinem Körper und zwangen mich ins Bett. Glück und Glas, wie leicht bricht das…sagt man doch, oder?

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2 Gedanken zu „Smaragdlerweg mal fünf

  1. Super Artikel… oft reichen geänderte Betrachtungsweisen
    aus, um vermeintlich Altbekanntes in neuem Licht erscheinen
    zu lassen und (wieder) Euphorie und Begeisterung auszulösen.

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